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Harry, hol’ schon mal das Buch - von Frank Lorentz

Der Unternehmer Jochen Berns aus Essen gibt alle 281 Fernsehfolgen von ‘Derrick” als Fotoroman heraus - und will damit Millionen umsetzen.

Essen – Männer wie ‘Derrick’ sterben nie. Mögen Schauspieler wie Horst Tappert, der dem Fernseh-Polizeibeamten 24 Jahre lang Gesicht und Stimme lieh, sich eines Tages in den Ruhestand retten; die berühmte Figur, die sie darstellen, spukt weiter in den Köpfen der Fans und hilft manchmal sogar, Existenz- gründerträume zu erfüllen. Etwa den des Esseners Jochen Berns. Der 36 Jahre alte Derrick-Fan und Kaufmann beschert dem ZDF-Oberinspektor, der zwischen 1974 und 1998 den Mördern so lange in die Augen starrte, bis sie das Verbrechen gestanden, eine Wiedergeburt in einem neuen Medium. Berns plant, sämtliche 281 Folgen der Krimiserie als Bilderroman herauszugeben. Das erste DIN-A4-Heft erschien soeben, es kostet 16,80 DM, ist vorwiegend über den Buchhandel erhältlich, trägt den Titel “Riekes trauriger Nachbar” und erzählt die Fernsehfolge 262 vom 9. August 1996. Heft Nummer zwei ist für den kommenden Januar vorgesehen, die restlichen 279 sollen im Monatstakt erscheinen. Damit, so rechnet Berns lächelnd vor, habe er Arbeit satt für 23 Jahre.

Die Geschichte dieser ungewöhnlichen Ge- schäftsidee beginnt, als der Essener 1989 im Ausland ins Kino geht. Der Film gefällt ihm so gut, daß er ihn am liebsten gleich noch einmal sähe, und zwar genußvoll Bild für Bild und Satz für Satz. Weil manche gute Idee einer langen Inkubationszeit bedarf, reist Berns erst neun Jahre später zum ZDF und trifft sich anschließend fünfmal mit dem Derrick-Drehbuchautor Herbert Reinecker. Mit dem gnadenlos aufrechten Inspektor als Held der ersten Bilderroman-Reihe, so kombiniert der Jungunternehmer, kann nichts mehr anbrennen. Schließlich ist der integre Polizist, dessen Brillengläser sich im Laufe der Jahre in dem Maße verdunkelten, in dem die Tränensäcke volliefen, eine Marke, ein popstarverdächtiges Kultprodukt und ein Exportschlager mit einer Fangemeinde in mehr als 100 Ländern.

Der Plan, Film und Comic in einem Movic zu vereinen und auf diese Weise Derrick zu noch größerer Unsterblichkeit zu verhelfen, überzeugt den Sender wie auch Reinecker. Der Essener erhielt alle nötigen Rechte.

Reinecker schlägt künftig die Reihenfolge der zu publizierenden Titel vor, Berns er- arbeitet die 52 Krimi-Seiten. Vertrieben wird Derrick im Verlag des Bruders. Berns mag Derrick sehr, gewiß. Er lobt die, wie er es nennt, niveauvoll psychologische Tiefe, die Abwesenheit von blutigem Ge- metzel. Aber er schätzt auch 'Der Alte' und 'Siska', zwei Freitagabendserien, die er eben- falls als Movic publizieren will. Vorausge- setzt, 'Riekes trauriger Nachbar' erfüllt die erhofften Kaufquoten, sprich die erste Auflage von 50.000 Stück geht zügig über den Ladentisch. 70.000 Mark hat Berns bislang in sein Lebenswerk gesteckt. Nicht ein einziger öffentlicher Pfennig sei dabei. Hinzu komme ideelle Förderung von Existenzgründerinitiativen, etwa dem 'Gründungssupport Ruhr'.

Die kaufkräftige ebenso wie ideelle Unter- stützung der Derrick-Freunde aller Länder dürfte ihm sicher sein. Movic-Übersetzungen ins Englische und Italienische sind in Vor- bereitung, selbst eine Japanerin ist gefun- den, damit auch das Land der aufgehenden Sonne die mediale Neugeburt des zeitlos stilbewußten Aushänge-Deutschen nicht entbehren muß. Auch Alltagsoziologen, so darf man vermuten, werden jubilieren. Als einziger TV-Langzeitheld hat es Derrick schließlich vollbracht, die Existenz einer sozialen Schicht zu behaupten, die eines Tages als ‘Derrick’-Milieu in die Lehrbücher aufgenommen sein wird und die eine dezent wohlhabende Welt des guten Geschmacks abbildet, unter deren unaufdringlich gelack- ter Oberfläche das Kriminelle in allen Spiel- arten wuchert.

Dieses wesentliche Kapitel deutscher Fern- seh(kultur)geschichte ist nun nachzublät- tern. Ausgewählte Originalbilder und -dialoge fügen sich in einer Weise, daß man die hohen Hacken der perfekt geschminkten tatverdächtigen Unternehmergattin über teures Parkett klackern hört oder den Kaffee- duft aus der Tasse aufsteigen riecht, von der Derrick in seinem kargen Büro nippt. Bringt man das notwendige kleine Maß an liebe- voll-ironischer Distanz mit, ist die Lektüre ein Genuß. Als einen solchen empfindet Jochen Berns sein Projekt schon lange.